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GUINEA – QUO VADIS? …EIN REISE- UND EINSATZBERICHT

 

Reise des ersten Einsatz-Teams von Mango vom 2. Januar bis 26. Januar 2020

Von Franz-Ferdinand Henrich am 18. Februar 2020

Abflug ist ein Samstag, Uhrzeit 9.40h ab Frankfurt/Main. Umstieg in Charles de Gaulle/Paris, hier auch Komplettierung des Teams mit Eva und Anna aus München/Allgäu und Judith aus Berlin/Chemnitz. Aus Frankfurt sind angereist: Anke aus Erfurt, Michaela, Monique, Julia, Elena, Angelika, James und Franz und natürlich unsere Leaderin Djanaba.
Die Air France-Maschine fliegt wieder über Freetown/Sierra Leone und kommt mit Verspätung gegen 22.00h Ortszeit in Conakry an. Es fehlen zwei Koffer von Angelika. Bis dazu die Formalitäten erledigt sind und die Begrüßung mit Mamadou glücklich im Hotelbus des Mariador Palace endet, kommen wir gegen 00.00h im Hotel an. Das Hotel erscheint „aufgeräumter“ als die Jahre zuvor. Der Service ist wie immer freundlich und zuvorkommend. Wir erhalten noch eine warme Mahlzeit und sinken teilweise erst nach 01.00h ins Bett.
Der Transport am nächsten Morgen erfolgt wie gewohnt mit drei GIZ-Pickups. Es erwartet uns eine lange, anstrengende Fahrt über Kindia, Mamou, Timbu und schließlich Dogomet, bis uns die ersten „Mango“-Rufe empfangen. Die N1 ist weiterhin eine Strecke mit unzähligen Schlaglöchern, abgefrästen und staubigen Teilstrecken, aber auch zahlreichen Baustellen mit riesigen Erdbewegungen, die daran glauben lassen, dass es die chinesischen Bautrupps irgendwann schaffen, die Haupt-Überlandstraße durch Guinea breiter, komfortabler und weniger kurvenreich zu vollenden.
Unsere Ankunft im Dunkeln in Koolo Hinde ist für uns alle eine Erlösung, eine Befreiung aus der Enge der Autos, von schmerzenden Hinterteilen oder Magenbeschwerden. Herzliche Begrüßung durch Familie Barry und die vielen Helferinnen. Endlich wieder unbegrenzt Orangen, Coyah-Wasser, La-vache-qui-rit und heute Abend sogar noch warme Speisen. Der Gemeinschaftsraum ist seit dem letzten Jahr aufgehübscht mit neuen Gardinen, Gardinenstangen, dazu passenden Tischsets. Alles sehr goldig.
Der Morgen ist frisch, deutlich unter 15° C. Nach dem Frühstück – es gibt auch neue „I Love You“-Tassen für den ersten Kaffee mit Beignets (ein frühmorgendliches Ritual) - geht es an die Arbeit mit Aufladen der mitgebrachten medizinischen Mittel und Sichten des Magazins. Die zu erwartenden Lücken soll der seit 14 Tagen im Hafen von Conakry liegende Container aus Frankfurt schließen. Wann wird er eintreffen? Wir packen einen Transportwagen und schieben ihn durchs Dorf zum Operationszentrum.
Auch hier erwarten uns die bekannten Gesichter, der stumme Junge am Eingang, der „chef des clés“ Didi, unser Assistent Abdoulaye, die Frauen vom Steri und die Hebammen, die vielen weiteren Helfer und Helferinnen, Pfleger Camaro und sein Helfer. Der kleine, alte Generator läuft, während der große laut Didi erst gewartet werden muss. Wir inspizieren das Patientenhaus und reklamieren einige Betten, die repariert werden müssen. James und ich begeben uns mit Didi an die Wartung des Generators mit Filterwechsel, Dieselwechsel. Nicht alles funktioniert auf Anhieb. Wir müssen uns bis zur Aufnahme des normalen Elektrobetriebes mit dem großen Generator noch bis zum Eintreffen von Spezialisten begnügen. Das gleiche Schicksal hat die solargetriebene Wasserpumpe für das fließende Wasser im OP. Die Erklärung: zur Beantragung von Fördergeldern für die Trinkwasserförderung in ländlichen Gebieten bei der AFD (Agence Francaise de Developpement) soll eine Vorstudie zu existierenden Brunnen in Koolo durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang wurde ein Team durch den Antragsteller zur Brunnen-Inspektion nach Koolo geschickt. Das Team führte Messungen (Brunnentiefe, Wasserstand, Wasserpumpe, …) auf mehrere Brunnen unter anderem den von Mango durch. Bei den Arbeiten wurde die elektrische Schaltung versehentlich Außerbetrieb genommen. Leider kam der Hausmeister Didi nicht auf die Idee, den Brunnenbetrieb nach der Messung zu prüfen. Didi und die immer hilfsbereiten und alles wissenden Dorfbewohner waren vermutlich zu euphorisch in Erwartung eines künftigen Wasserleitungsnetzes für Koolo. Wir jedenfalls können nichts wirklich ausrichten, nur inspizieren und mit normalem Menschenverstand feststellen, dass kein Strom auf der Anlage ist. Schöner Anfang! Wofür gibt es einen das ganze Jahr bezahlten Hausmeister?
Parallel zur Einrichtung der OP-Säle kann die erste Sprechstunde erfolgen. Der Andrang ist wieder sehr groß und Djenaba will Listen mit Patienten (Kinder, Frauen, Männer) erstellen, nach denen die Sprechstunden chirurgisch und gynäkologisch durchgeführt werden sollen. Viele Patienten, die operativ kompetenter vom MKG-Chirurgen des 3. Teams versorgt werden können, werden auf dessen Warteliste geschrieben. Er wird per WhatsApp mit Bild informiert. Wir haben drei OP-Assistenten, Abdoulaye, Mamadou und Alpha, die auch in der Sprechstunde und bei den Visiten mithelfen und die vielen verschiedenen Sprachen zumindest ins Französische übersetzen können.
Der OP-Betrieb kann am 7.1.2020 gestartet werden. Strom- und Wasserversorgung allerdings aufgrund des Stromausfalls auf Stand von 2010. Die Luxusversorgung mit drei Anästhesistinnen in der ersten Woche macht sich durchaus bemerkbar, da die Versorgung z.B. der Kinder mit zusätzlichem Caudalblock qualitativ Vorteile hat. Der Abend wird beendet mit der sehnsüchtig erwarteten Ankunft des Wagens aus Conakry mit den Koffern von Angelika und meiner Weste, die ich mit 500 € und Pass im Hotel vergessen hatte (wie hirnlos kann man eigentlich sein?).
Die ersten Operationstage laufen trotz der Entbehrungen gut. Die Stromversorgung in der Unterkunft ist leider auch gedrosselt, da noch keine Umstellung von Gleichstrom auf Wechselstrom erfolgen konnte. Oumar zeigte mir zwar eine aktuelle Annonce von dem deutschen Elektronik-Händler Conrad, wo es einen Wechselrichter für 39.90 € gibt, aber warum hat man ihn nicht besorgt und installiert? Dafür kam ein kompetenter Handwerker, der den Generator flott machen konnte und die Stromversorgung der Solaranlage durch Kurzschließen wieder in Gang brachte. So kann der OP-Betrieb wieder normalisiert werden. In der Unterkunft sind allerdings nun die Steckdosen vom Betrieb genommen, dafür jedoch dauerhafte Decken-Beleuchtung.
Das erste Wochenende beginnt mit der herzlichen Verabschiedung von Michaela, die zum Schulbeginn in Hessen wieder zu Hause bei ihren Kindern sein muss – natürlich nicht ohne das obligatorische Gemeinschaftsfoto auf der Treppe. Ibrahim, ihrem Fahrer können wir erste Aufträge geben, unsere beginnenden Versorgungslücken durch Besorgungen in Conakry etwas zu schließen. Denn der Container ist immer noch nicht in Sicht. Die Kanäle dazu nach Deutschland, ins Ministerium und zum Hafen laufen zwar heiß, aber mehr als Vertröstungen kommen nicht raus. Djenaba kontaktiert einen alten Klassenkameraden in einem Ministerium. Danach soll am Montag alles geregelt werden.
Der Sonntag ist arbeitsfrei und die meisten machen einen Ausflug ins 10 km entfernte Dogomet, wo „Petit Marché“ ist. Trotz „Petit“ ein großes Angebot an Stoffen, um den Schneider vor Ort mit Aufträgen zu beschäftigen. Die zweite Woche ist gekennzeichnet nicht nur durch die ersten Mangelerscheinungen wegen des Nichteintreffen des Containers, sondern auch durch die ersten Personalausfälle. Elektrolyt- und Flüssigkeitsmangel machen sich nicht nur bei Durchfällen negativ bemerkbar, sondern auch bei vorbestehenden Erkrankungen. Wie sich nach unserer Rückkehr herausstellt, hat Elena doch eine Hepatitis E und auch Dengue-Fieber-Infektion wird bei ihr nachgewiesen. Elena, James und Franz hängen jeweils wegen allerdings unterschiedlicher Symptome mal am Tropf und falle ein bis zwei Tage aus. Donnerstag bis Samstag früh fahren Djenaba, Angelika und Judith ins 50 km entfernte Kreiskrankenhaus in Dabola und schauen sich dort unterstützend den Gynäkologischen Betrieb an. Fazit: 1. Alle drei werden krank (Judith kollabiert und hängt in Dabola auch am Tropf) und 2. Es gibt viel zu tun! Das Thema „Nachhaltigkeit“ unserer Einsätze ist auch in der Diskussion um unsere Assistenten zentral und kollidiert in der Realität zunehmend mit der Mangelsituation. Angelika Barth besucht auch das Centre de Santé in Dogomet, um dort Materialien zur gynäkologischen Vorsorge und Geburtshilfe zu spenden, die sie aus ihrer Praxis in Frankfurt mitgebracht hat.
Einmalmundschutz muss den ganzen Tag getragen werden (bis Stofftücher hergestellt wurden), mit den Einmalhauben geht es genauso. Händedesinfektionsmittel wird rar, OP-Kittel sind ausgegangen. Stoffkittel werden sterilisiert und über Telefon in Conakry bei Dr. Diallo (Gynäkologe) eine Kiste mit 30 sterilen Einmal-Kitteln bestellt. Dr. Diallo spendet diese Kiste dem Verein Mango und organisiert in Conakry eine schnellen Transport nach Koolo Hinde. Einige Operationen werden verschoben, in der Hoffnung, dass der Container noch kommt.
Anfang der dritten Woche erreichen uns die Informationen, dass sich die politische Situation im Lande verschärft. In allen größeren Städten werden Demonstrationen angekündigt. Der Präsident des Landes, Prof. Alpha Condé, will eine dritte Amtsperiode mittels Verfassungsänderung durchsetzen und hat für den 16. Februar (mittlerweile auf Anfang März verlegt) zu Wahlen aufgerufen. Gewaltsame Konflikte werden gemeldet und die GIZ teilt uns mit, dass sie keinen Rücktransport vor dem Abflugtag, den 24.1. aus Sicherheitsgründen zusagen kann. So müssen wir unseren Abreisetag vom Donnerstag auf Freitag verschieben, an dem frühestens ein Privatunternehmen nach Conakry fahren kann.
Glück im Unglück: An diesem Donnerstag trifft tatsächlich noch der Container in Koolo ein, genau einen Monat liegt er nun im Hafen, bevor zusätzliche Zahlungen, unzählige Telefonate und eine Menge Schweiß und Nerven die guineischen Behörden erweichten, einer Hilfsorganisation ihre notwendigen Hilfsmittel auszuliefern. Aber: wir können den Container noch selbst entladen und alle Kartons und transportierten Hilfsmittel in unser Lager räumen.
Der Wehrmutstropfen: Der zuständige Zollbeamte weigerte sich, die mitgelieferten Hilfsgüter unseres Partnervereins Sundjata wieder im Container nach Conakry zurück befördern zu lassen. Dies war ursprünglich vereinbart, widersprach aber seiner Auslegung der ministerlichen Genehmigung.
Im Mühlwerk der politischen Auseinandersetzung, zwischen Korruption und gesetzlichen Bestimmungen, zwischen ethnischen Konflikten und krimineller Energie wird die Hilfe von NGO’s untergraben und zersetzt. Die Folge: Mango muss aus Sicherheitsgründen den beiden nachfolgenden Teams eine Reise nach Guinea versagen. Das ist besonders traurig für die wartenden Patienten, aber auch für die Einrichtung des Operationszentrums, da wir als erstes Team diese Nachricht erst auf der Rückreise am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes erhielten. So konnten wir auch nicht eine notwendige Abschlussinventur und verantwortliche Übergabe von unseren Patienten an die Nachfolger machen. Dank unserer guineischen Assistenten werden jedoch alle Patienten bis zum Abschluss der Heilung weiterversorgt und konnten bald das Zentrum verlassen.

So ist die Bilanz an versorgten Patienten von 14 OP-Tagen:
110 Operationen wurden durchgeführt, davon 18 Kinder
19 gynäkologische Eingriffe
9 proktologische
12 Struma-operationen
37 Bauchwandhernien
33 weitere allgemeinchirurgische Eingriffe
Chirurgische Notfälle gab es drei: ein Verunfallter älterer Mann mit doppeltem Beinbruch und Commotio, der von uns versorgt wurde, aber leider verstarb. Ein ebenfalls älterer Mann mit Harnverhalt, der nach Erstversorgung nach Conakry weitergeleitet wurde. Ein junger Mann mit V.a. Appendizitis, der eine terminale Ileitis hatte und unter Antibiose entlassen werden konnte.
Ein gynäkologischer „Notfall“ waren eine Sectio caesarea mit einem etwas übertragenem gesunden Jungen und ein Mamma-Abszess einer jungen stillenden Mutter.
Es gab auch eine Reihe von Erkrankungen, die wir in diesem Zentrum nicht verantwortungsbewusst versorgen konnten, die teilweise auch keine Chance hatten, in Guinea eine adäquate Behandlung zu erhalten. Das guineische Gesundheitswesen schließt auch schon die Versorgung vieler „einfacher“ Routineerkrankungen für die meisten Menschen aus, da sie örtlich oder finanziell hierzu keinen Zugang haben. Das ist die Ursache für den immens großen Patientenandrang in einem kleinen Ort 400 km von der Hauptstadt entfernt, in den Patienten aus der Umgebung, aus ferneren Regionen, aus der Hauptstadt Conakry und selbst aus benachbarten Ländern wie Mali, Sierra Leone oder Senegal kommen.
An „Events“ veranstaltet unser Team in der École primaire von Koolo Hinde einen Kindernachmittag mit zahlreichen Spielen wie „Eier“-lauf, Seilhüpfen, Tauziehen, Übergabe von Büchern und anderen sinnvollen Mitbringseln. Wir besuchen Einrichtungen des Ortes, den Friedhof, machen eine Wanderung auf einen nahegelengen Bergzug, einen Ausflug nach Dabola mit Besuch des Elektrizitätswerkes am Staudamm und freuen uns über ein Abschieds- und Dank-Konzert, besser Tanzparty mit einer typisch afrikanischen Band. Diese Dankbarkeit erhalten wir auch von allen angestellten Helfer/innen, von Patienten und der Einwohnerschaft von Koolo Hinde.
Für den Verein Sundjata e.V., der sich für die Unterstützung der Menschen mit Handicap in Guinea einsetzt, ist der verspätet eingetroffene Container und die Borniertheit des Zöllners besonders niederschlagend. Der Container transportierte für den Verein an die 20 Rollstühle, Rollatoren, zahlreiche Gehstützen, alles Spenden aus Deutschland für behinderte Menschen in Guinea, die am Samstag , den 25.1. in Conakry in einer festlichen Veranstaltung in der Cité de Solidarité an Bedürftige übergeben werden sollten. Sie lagern jetzt fernab vom Bestimmungsort im Lager von Koolo Hinde. Eine Lösung für den Rücktransport und die Übergabe muss nun gefunden werden.
Das Mango-Team 2020, leider das erste und letzte für 2020, zeichnete sich durch einen großen Zusammenhalt aus. Es bestand aus einer guten Mischung aus altgedienten und erfahrenen Mango-Mitgliedern, einigen mit Guinea-Erfahrung aus zwei bis drei Besuchen und wenigen ganz frischen Mithelfern. Es war eine große Bereitschaft vorhanden, neben der laufenden Arbeit auch die auftretenden Probleme gemeinsam zu lösen. Parallel wurde viel Wert darauf gelegt, den Kontakt zur Bevölkerung auch über sinnvolle Aktivitäten zu fördern. Für die Zukunft wird es wichtig sein, junge Mithelfer für unsere Arbeit in Koolo Hinde zu motivieren und die Arbeit vor Ort im Sinne einer größeren Nachhaltigkeit umzustrukturieren. Für die Organisation der Patientenrekrutierung für die Sprechstunde haben wie immer noch kein wirklich optimales Konzept. Djenaba’s Engagement mit den Listen für Kinder, Frauen und Männer (weitere Auswahl-Kriterien waren für uns nicht ersichtlich) war zumindest auch für die Assistenten, die die Sprechstunde mitmachten, ein Orientierungspunkt. Die Methode ist aber sehr aufwendig und kraftzehrend, wenn man Djenaba in dem Gewühl von Menschen beobachtet hat. Die parallele Sprechstunde von Gyn und Chirurgie in Untersuchungsraum und OP-Saal 2 war suboptimal. Und das ständige Zwischenschieben von irgendwelchen „besonders wichtigen“ oder angeblich verwandten Patienten ist nur nervend. Man muss sich an abgemachte Sprechstundenzeiten auch halten können.
Die Dokumentation auf den unterschiedlichen Karteikarten hat schon einigermaßen gut funktioniert, wenn auch in der Tages-/Wochen-OP-planung und in der elektronischen Dokumentation noch viel durcheinanderlief.


Franz-Ferdinand Henrich

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